ALLGEMEINE HINWEISE ZUR HALTUNG UND ZUM MANAGEMENT DES ASIATISCHEN
SCHWARZBÄREN (MONDBÄREN): ANREGUNG
Was sind Anregungen?
Anregungen des Umfelds sind definiert als die „Handlungen um das Wohlbefinden gefangener Tiere durch das Erkennen und die Bereitstellung zentraler Stimuli in der Umgebung zu erhöhen“ (Swaisgood 2007). Tiere in Freiheit haben einen starken genetisch bedingten Drang für ein spezifisches Verhalten. Wenn sie also in Gefangenschaft gesund bleiben sollen, muss ihre Umgebung ihnen das Ausleben dieses Verhaltens ermöglichen. So wollen Bären gern nach Futter suchen. Selbst wenn man gefangenen Bären genügend Nahrung gibt, werden sie frustriert und gestresst, wenn sie es nicht suchen können. Anregung bedeutet als o mehr als nur zu spielen; sie bedeutet, dass die Tiere ihr natürliches Verhalten ausdrücken können. Dies ist für ihre körperliche und seelische Gesundheit und damit für ihr Wohlbefinden von zentraler Bedeutung.
Warum sollen wir gefangenen Tieren Anregungen bieten?
Die „Fünf Freiheiten“ des Tierschutzes, wie sie vom Tierschutzrat für Farmtiere in England 1979 entwickelt wurden, werden von Regierungen und Tierschutzorganisationen weltweit als die Basis betrachtet, um das Wohlbefinden von gefangen gehaltenen Tieren zu beurteilen:
Freiheit vor Hunger und Durst
Freiheit vor Unbequemlichkeit
Freiheit vor Schmerz, Verletzung oder Krankheit
Freiheit, das normale Verhalten zu zeigen
Freiheit vor Angst und Bedrängnis
Anregungen können helfen, einige der Forderungen der Fünf Freiheiten zu erfüllen:
Ein durchdachtes Anregungsprogramm kann das Leben gefangener Tiere signifikant verbessern, da sie so ihr normales Verhalten zeigen können. Das wiederum verringert Angst und Bedrängnis, Unbequemlichkeit und hilft mit, Schmerzen, Verletzungen und Krankheiten zu lindern
Ein gutes Anregungsprogramm hilft, „stereotypes Verhalten“ wie hin- und herlaufen, schaukeln, nagen oder kauen an den Gitterstäben, fortwährendes reiben oder das saugen oder lecken von Körperteilen zu vermindern, das sich bei Tieren mit unzureichender Anregung in der Umgebung einstellt.
Ein gutes Anregungsprogramm stärkt das Mitgefühl und die Bindung zwischen Tier und Tierhalter.
Ein gutes Anregungsprogramm kann das Interesse der Besucher steigern, da die Tiere ein naturnäheres Verhalten zeigen (Davey et. Al. 2005). Besucher nehmen den Gedanken des Tierschutzes nur an Orten auf, an denen gefangen gehaltene Tiere ihr natürliches Verhalten in einer naturnahem Umgebung sehen können (Swaisgood 2007)
Anregungen sind kein optionales „Extra“ für die gefangenen Tiere, sondern ein entscheidender Teil ihrer Haltung. Zusammen mit der Bereitstellung des passenden Futters, genügend und sauberem Wasser und einer angemessenen Gesundheitsvorsorge. Alle Tiere brauchen solche Anregungen, nicht nur die, welche im Licht der Öffentlichkeit sind.
Diese Bären leben in einem Betongefängnis ohne jede Anregung. Sie werden alle möglichen Probleme bekommen und auch ein schreckliches „Ausstellungsstück“ für die Besucher sein.
Welche Anregungen gibt es hier für die Bären?
Anregungsprogramme brauchen die beiden Aspekte:
Anregung für das Verhalten
Anregung in der Umgebung
Zusammen erst gibt das ein umfassendes Programm, das dem Verhalten und den körperlichen Bedürfnissen der Tiere entspricht.
Anregung kommt auf viele Arten, die jedoch in einige Grundkategorien eingeteilt werden können:
Design des Lebensraums
Dies umfasst alles in der Umgebung des Tieres wie das Schaugehege, das Freigehege, die Ausstattung wie Klettergerüste, Teiche, Höhlen, Schlammlöcher und große Baumstämme. Dies alles kann genutzt werden, damit die Bären ihre Geschicklichkeit zeigen können (z.B. klettern oder schwimmen) und sie bieten Anregung und zugleich Training.
Anregung der Sinne
Die Sinne der Bären, speziell jene, die am besten entwickelt sind (Geruchssinn), anzuregen ist ein wichtiger Faktor. Dazu zählt z.B.:
Geruch: Verwendung von Kräutern, Geruchsölen, Gewürzen etc.
Gehör: Einsatz von Dschungelgeräuschen oder sanft beruhigender Musik
Tastsinn: Einsatz von Streu, Blumen oder Matten und anderem.
Geschmack: Futter, Aufstriche, Sirup etc.
Sehen: Einsatz erhöhter Plattformen oder Spiegel
Neuartige Objekte
Die Bereitstellung vieler Objekte, sowohl natürlicher als auch künstlicher, mit denen die Bären spielen oder sie erforschen können, beschäftigt sie lange. Natürliche Objekte sind z.B. Bambus, Holzbalken, Baumstümpfe; künstliche Objekte sind Spielsachen, Beißringe, Seile, Bojen, Bälle etc.
Fütterungsstrategien
Fütterungen können die Bären am meisten stimulieren, indem das Futter versteckt oder verteilt wird, auf unterschiedliche Weise oder mittels rätselhafter Gerätschaften angeboten wird.
Soziale Gruppen
Auch wenn verträgliche Tiere in Gruppen zusammenkommen, bedeutet dies eine soziale Anregung.
Training
Dabei wird die Interaktion zwischen Bären und ihren Betreuern als eine Anregungsform und Stimulation für beide Seiten eingesetzt. Durch positive Bestärkung (= Belohnung) lassen sich Bären „trainieren“ um regelmäßige Prozeduren wie das Wiegen oder einfache medizinische Untersuchungen zu erleichtern.
Wie entscheidet man sich für welche Form der Anregung?
Für eine effektive Anregung muss man so viele wie möglich über die natürliche Biologie und das Verhalten der zu haltenden Art wissen. Auch das Wissen über die Geschichte und die Herkunft des individuellen Tieres ist wichtig!
Die allgemeinen Eigenschaften des Asiatischen Schwarzbären
Asiatische Schwarzbären (Mondbären) sind große (erwachsene Männchen wiegen 100-200 kg, Weibchen sind im Allgemeinen kleiner), kräftige Tiere mit kurzen starken Klauen und sehr gelenkigen Pfoten. Sie klettern sehr gut und lieben das Wasser. Ihr Geruchssinn ist hervorragend, ihr Gesichtssinn und ihr Gehör sind weniger gut entwickelt (etwa wie bei uns). Auf ihrer Brust haben sie einen cremefarbenen halbmondförmigen Fleck im Fell, der Grund für den Namen „Mondbär“. Sie sind heimisch in den feuchten Wäldern Südasiens inklusive Pakistan, Afghanistan, Indien, China und weiter im Norden in Russland, Korea, Taiwan und Japan. Sie bevorzugen hügeliges oder bergiges Gelände.
Verhalten
Asiatische Schwarzbären sind in der Regel Einzelgänger, leben manchmal auch in kleinen Familiengruppen um die Mutter. Am Tag schlafen sie meist oder fressen auf den Bäumen. In der Nacht suchen und jagen sie nach Futter. Sie schwimmen gut.
Futter
Asiatische Schwarzbären sind Allesfresser, bevorzugen aber meist eine vorwiegend vegetarische Diät. In Freiheit streifen sie über ein weites Gebiet auf Suche nach Nahrung; sie haben lange, breite und flache Backenzähne, da sie das relativ unverdauliche Pflanzenmaterial, das ihre Hauptnahrungsquelle ist, damit zerkauen. Im Lauf des Jahres wandelt sich ihre Nahrung. In der Regel fressen sie Blätter, Beeren und Rinde, Bambussprossen, Nüsse und Früchte. Sie fressen auch Insekten und deren Larven, Eier und manchmal kleine Säugetiere, Vögel, Fische und Aas von Schweinen oder Ziegen.
Frühling und Frühsommer: Stauden und blühende Pflanzen
Sommer und Früherbst: Vorwiegend Früchte
Herbst und Winter: Vorwiegend Eicheln und Nüsse
„Nestbau“
Asiatische Schwarzbären schlafen gern in nestähnlichen Gebilden, die sie gewöhnlich aus zusammengebogenen Pflanzen bauen. Sowohl am Boden als auch bis zu 20 Meter hoch in Bäumen.
„Winterschlaf“
Bären, die in den kühleren Bereichen ihres Verbreitungsraums leben, werden im Winter weniger aktiv, was ihnen hilft, Energie zu sparen wenn das Angebot energiehaltigen Futters knapp ist. Sie bauen sich einen „Bau“ in einem hohlen Baum oder einer Höhle in der sie bis zu 5 Monate schlafen. In dieser Zeit zehren sie von ihren Fettvorräten und sie müssen wenig essen, trinken, koten oder urinieren. Dazu müssen sie sich im Herbst einen Speckmantel anfuttern. In den wärmeren Bereichen ihres Lebensraums ist dieses Verhalten weniger ausgeprägt. Einige Bären „machen langsam“ in den kühlen Monaten, andere zeigen keine Veränderung ihres Verhaltens.
Fortpflanzung
Mit drei bis 4 Jahren wir der Asiatische Schwarzbär geschlechtsreif. Gewöhnlich vereinigen sie sich im Sommer und bringen ihre Jungen im Winter (während des Winterschlafs) oder zeitig im Frühling zur Welt.
Lebenserwartung
In Gefangenschaft können Asiatische Schwarzbären bis zu 30 Jahre alt werden.
Was können Sie tun?
Im Idealfall sollten Tiere in Gefangenschaft in Bezug auf Anregungen und Interesse möglichst so wie ihre Artgenossen in Freiheit leben können. Natürlich können wir die Vielfalt der Stimuli für Bären in der Wildnis nie nachbauen, doch auch einige sehr grundlegende und billige Veränderungen können helfen, das Leben der gefangenen Tiere zu verbessern und das Verhältnis auch für Pfleger und Besucher zu verbessern.
Das hängt auch von der Umgebung ab, in der die Bären gehalten werden und der Geschichte und dem Zustand des jeweiligen Bären in Ihrem Besitz. Doch man sollte stets an die wesentlichen Aspekte eines Bären denken, wenn man nach Anregungen sucht
Opportunistischer Allesfresser
Guter Schwimmer und Kletterer
Nestbauer
Besitzt einen ausgeprägten Geruchssinn
Und die Anregungen danach ausrichten.
Dazu hier einige Ideen:
Fütterungsstrategien:
Am häufigsten wird Futter als Anregung eingesetzt, da es die Bären zur Mitarbeit anhält!
Bei der Planung von Anregungen soll das natürliche Verhalten der Bären berücksichtigt werden. Sie verbringen viel Zeit um ihr Futter zu suchen. Daher ist es besser, ihnen statt einer Mahlzeit am Tag zu einer festgesetzten Zeit das Futter zu unterschiedlichen Zeiten über den Tag und die Nacht verteilt zu geben.
Bären sind Allesfresser – variieren Sie das Futter im Lauf des Jahres um so die jahreszeitlichen Änderungen wie in der Wildnis (siehe oben) nachzuvollziehen. Geben sie das Futter, die Früchte und Nüsse gehackt als auch in ganzen Stücken. Gelegentlich auch Insekten und Leckereien wie Honig.
Verändern sie die Art der Futtergabe. So lassen sich zum Beispiel pürierte Früchte, Honig, Marmelade und künstliche Aromen mit Wasser zu kleinen Eisblöcken frieren. Dazu gehackte Früchte, Nüsse, Samen oder Grünfutter. Verstecken Sie das Futter oder Leckereine wie Honig, Marmelade, gehackte Früchte, Nüsse, Samen in ihrem Gehege (z.B. unter Steinen, verteilt unter Pflanzen, in Bäumen oder lassen Sie es vom Dach hängen) und in Gegenständen dort (z.B. in kurzen Bambusstecken, in die Löcher gebohrt wurden oder eigewickelt in Blätter oder zwischen Pappkarton, der mit Stroh oder Bambusfasern zusammengebunden ist), um die Bären zu ermuntern ihre Zeit mit der Suche nach dem Futter zu verbringen.
Arbeiter der Animals Asia Foundation verstecken im Rettungszentrum bei Chengdu Futter in einem Bärengehege und reiben die Bäume dort mit Geruchsstoffen ein, ehe die Bären heraus dürfen.
„Prince“ im Rettungszentrum der Animals Asia Foundation bei Chengdu freut sich an einem Fruchteisblock.
Gestaltung der Schaugehege/Körperliche Anregungen:
Bären streifen auf der Suche nach Futter durch ein sehr großes Gebiet. Daher sollten sie auch in Gefangenschaft ein möglichst großes und vielgestaltenes Gehege bekommen.
Baue auf ihre Kletterkünste – Mit senkrecht stehenden Holzbalken und Holzgerüsten zum Klettern. Durch Verschiebe der Geräte sollte das Gehege regelmäßig verändert werden. Sie sollten die Möglichkeit haben, ein Nest zu bauen. Dazu brauchen sie genügend und unterschiedliche Materialien wie Gras, Stroh, Blätter, Bananenpalmen, Bambus, Rinde und Holzschnitzel.
Biete ihnen große Schwimmteiche, Grab- und Schlammlöcher. Selbst flache Planschbecken sind gut. Das Wasser soll regelmäßig gewechselt werden
„Emma“ im Rettungszentrum von Animals Asia bei Chengdu auf einem Klettergerüst
Anregung für die Sinne:
Nutzen Sie den guten Geruchssinn der Bären. Legen sie Geruchsfährten oder behandeln Sie das Nestbaumaterial mit Früchten oder Fruchtsäften, Marmelade, Honig und Duftpflanzen. Verschiedene Materialien wie z.B. Stroh, zu verschiedenen Zeiten, damit die Bären das Interesse behalten
Neue Gegenstände
Die Bären brauchen eine wechselnde Vielfalt an natürlichen und künstlichen Gegenständen, die sie untersuchen können. So z.B. Holzstapel, Reifenschaukeln (Mit Seilen, nicht mit Ketten zu befestigen), Plastikkanister, Bälle, Seile etc.
Bei solchen Gegenständen immer auch an die Sicherheit der Bären denken — keine Stahlgürtelreifen verwenden, nur Seile aus Naturfasern! Keine Schlingen machen, in denen sich ein Bär fangen kann. Keine Knoten in die Seile machen. Kleine Gegenstände aus Plastik oder Gummi sind nichts für Bären. Sie können daran ersticken. Auch keine Gegenstände aus Polystyrol oder Schaum oder solche die Draht oder Nägel in sich haben.
Soziale Gruppen:
Bären sind von sich aus nicht sozial. Doch sie können in Gruppen leben und bei gutem Management ist dies eine große soziale Bereicherung für die Bären. Die Zusammenführung von Bären erfordert spezielle Fertigkeiten und man muss die Charaktere der betreffenden Bären sehr gut kennen. Es braucht auch Geduld.
Asiatische Schwarzbären und andere Bärenarten oder andere Tiere sollen nie zusammen gehalten werden.
Training:
Auch Training kann anregen. In der Regel bedeutet es, dass der Bär zu seinem Pfleger kommt, wenn er gerufen wird, auf ein Signal hin (z.B. einer Glocke) in seine Behausung geht und manchmal sich aufrichtet für eine kurze Behandlung wie Augentropfen oder Untersuchung der Augen und Pfoten. Solches Training braucht besondere Fertigkeiten und Wissen und kann gefährlich sein; kein Risiko eingehen für Bären, Pfleger oder das Publikum. Vor Beginn eines Trainingsprogramms immer erst einen Fachmann fragen.
Bären oder andere Tiere sollen NIE Tricks zur „Erbauung“ des Publikums beigebracht werden. Das beschämt Bären und Sie selbst, denn sie verringern dadurch den Lerneffekt für das Publikum. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen die zeigen, dass das Publikum besser reagiert und mehr lernt, wenn sie Tiere sehen, die ihr NORMALES Verhalten zeigen statt solcher angelernter Tricks.
Das Publikum soll die Bären nie füttern.
Eine integrierte Gruppe Bären im Rettungszentrum von Animals Asia bei Chengdu. Sie genießen die vielen unterschiedlichen Anregungen wie die soziale Gruppe, die Klettergerüste und Material zum Nestbau und Futter.
Belohnung
Mit etwas Kreativität und Initiative Profitieren die Bären von einem Anregungsprogramm. Die Pfleger entwickeln eine stärkere Beziehung zu den Bären und das Publikum freut sich an dem natürlichen Verhalten der Tiere.
Animals Asia hat große Erfahrung beim Entwurf solcher Anregungsprogramme für den Asiatischen Schwarzbären. Viele Tierzentren und Zoos die auch Bären halten nutzen ebenfalls solche Programme. Wenn Sie daher Hilfe brauchen, fragen Sie! Die hier aufgeschriebenen Einzelheiten beziehen sich zwar auf den Asiatischen Schwarzbären, die Prinzipien eignen sich aber auch für andere Bärenarten und sogar andere Tierarten; man muss nur an die spezifischen Charakteristiken und Ansprüche der betroffenen Tiere denken und sein Anregungsprogramm danach ausrichten.
Mark Jones, BVSc MSc(Stir) MSc(London) MCVS
Animals Asia Foundation
October 2008
Weitere Informationen
Davey,G.; Henzi, P.; Higgins, L. (2005) The influence of environmental enrichment on Chinese
visitor behavior. J.Appl.An.Welf.Sci. 8(2), 131-140.
Swaisgood, R. (2007) Enrichment and well-being for zoo animals. In Beckoff, M. (ed)
Encyclopedia of human-animal relationships Vol 4 pp 1349-1357. Greenwood press.